Kreis­l­auf­wirt­schaft zu­hau­se: Wie un­se­re Ex­per­tin Re-Use prak­tisch um­setzt

«Nach­hal­tig­keit, die man lebt»

Wie sieht nach­hal­ti­ges Bauen aus, wenn Fach­wis­sen auf den ei­ge­nen All­tag trifft? Un­se­re Nach­hal­tig­keits­ex­per­tin Pa­tri­zia Her­mann be­schäf­tigt sich be­ruf­lich täg­lich mit Ener­gie, Res­sour­cen und Kreis­l­auf­wirt­schaft – und lebt diese Prin­zi­pi­en auch pri­vat. Ob beim Umbau eines Cha­lets mit kon­se­quen­tem Re-Use oder beim Neu­bau eines Ein­fa­mi­li­en­hau­ses nach höchs­ten Ener­gie­stan­dards: Ihre per­sön­li­chen Pro­jek­te zei­gen, was nach­hal­ti­ges Bauen kon­kret be­deu­ten kann.

Der Aletsch­glet­scher als per­sön­li­cher An­trieb

Schon früh beschäftigte sich Patrizia Hermann mit den Auswirkungen des Klimawandels. Einen prägenden Eindruck hinterliess der Aletschgletscher, den sie bei Wanderungen mit ihrer Familie regelmässig erlebte. «Schon in meiner Kindheit war ich sehr beeindruckt vom grossen Aletschgletscher, den ich im Sommer bei Wanderungen mit der Familie quasi vor unserer Haustür erlebt habe. Dass er zunehmend abschmilzt, hat mich nachdenklich gemacht und war meine Motivation, später Klimawissenschaften zu studieren.»

Seither beschäftigt sie sich beruflich mit Nachhaltigkeitsthemen. Die Baubranche hat dabei für sie einen besonders grossen Hebel. «Das ist eine Grundhaltung; wenn man täglich mit Kund:innen zusammen an nachhaltigen Lösungen arbeitet, ist es nur logisch, das auch bei sich selbst umzusetzen.»

Nach­hal­tig­keit als Beruf und Grund­hal­tung

Heute arbeitet Patrizia Hermann bei eicher+pauli als Nachhaltigkeitsexpertin. Ihre Arbeit ermöglicht ihr einen tiefen Einblick in die Zusammenhänge von Ressourcenverbrauch, Planung und Entscheidungen. «Dieses Wissen dann auch in meinen privaten Projekten konkret anzuwenden macht Spass. Es ist für mich ein ‹job enrichment›, die Erfahrungen privat auszutesten.»

Das eigene Bauen hat ihr gleichzeitig eine zusätzliche Perspektive auf die Rolle der Bauherrschaft gegeben. «Zuhause hat man die Verantwortung selber in der Hand – das bedeutet: man kann die Entscheide direkt selber fällen. Es schärft aber auch das Verständnis für die Kund:innen, denn man versteht, welche Entscheide welche finanziellen und zeitlichen Konsequenzen haben. Das ist immer ein Abwägen und an die Realitäten anpassen.» Diese Erfahrungen fliessen heute auch wieder zurück in ihren beruflichen Alltag.

Das Cha­let: Re-Use mit Ge­schich­te

Wie Kreislaufwirtschaft ganz konkret aussehen kann, zeigt ein persönliches Projekt im Wallis. Gemeinsam mit ihrem Mann hat Patrizia ein altes, verfallenes Walliser Haus fast komplett neu aufgebaut – mit möglichst vielen wiederverwendeten Materialien. «Mein Mann war Inhaber einer Zimmerei und hat auf seinen Baustellen im ganzen Wallis anfallendes Altholz gesammelt.»

Kreislaufwirtschaft, Re-use
Neuaufbau eines alten verfallen Hauses im Wallis

Neben dem Holz konnten unter anderem ein Stückholzofen, Isolationsmaterial, ein Baugerüst und Stromschalter kostenlos übernommen werden. Weitere Elemente fanden die beiden auf tutti.ch und sammelten sie auf ihren Fahrten ein. Auch die komplette Küche inklusive Geräten erhielt ein zweites Leben. Fast alles Vorhandene wurde weiterverwendet: Alte Steine wurden zu einer Trockensteinmauer, ehemalige Steinplatten der Dacheindeckung zu Gehwegplatten.

Besonders viel Geschichte steckt im Holz. «Unsere Wände bestehen aus alten Holzbalken aus dem Goms, dem Lötschental, dem Unterwallis – jeder Balken hat seinen Ursprung und eine Geschichte.» Ein alter Stall ihrer Grossmutter wurde abgebaut. Aus den Altholzbalken entstanden später unter anderem die Garderobe, die Betten und Badezimmerschränke.

Re-Use braucht Zeit und Ge­duld

Die grösste Herausforderung war die Suche nach den passenden Materialien. Verfügbarkeit, Distanz und Transport mussten immer wieder gegeneinander abgewogen werden. «Es braucht viel Zeit und Geduld, die passenden Teile zu finden und abzuholen.» Nicht alles war verfügbar, wenn es gebraucht wurde. Trotzdem überwiegt die Freude am Prozess. «Aber es hat Spass gemacht, nach Bauteilen zu jagen und den Objekten ein zweites Leben zu geben.» Der Umbau war ein Abwägen zwischen Zeit, Ressourcen und Ergebnis. Den Umbau haben Patrizia und ihr Mann grösstenteils selbst umgesetzt. «Rückblickend hätte man vielleicht mehr übergeben können, aber dann hätten wir heute ein ganz anderes Chalet, mit weniger Emotionen und Geschichte.»

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Nach dem Umbau und viel Zeit und Geduld: Das Chalet im neuen Kleid.

Der Neu­bau: Nach­hal­tig­keit von An­fang an den­ken

Nach dem Umbau des Chalets folgt der Neubau eines Einfamilienhauses. Während beim Chalet der Bestand und Re-Use im Zentrum standen, konnten beim Neubau viele Entscheidungen von Beginn an getroffen werden. Das Haus wurde mit dem Ziel geplant, möglichst energieeffizient und ressourcenschonend zu sein. Geplant ist der GEAK-Standard A/A. «Ehrlich gesagt haben wir unser Haus so geplant, wie wir es intuitiv für richtig hielten. Wir setzen voll auf erneuerbare Energien, Holzbauweise, gute Dämmung und Qualität bei den Elementen wie bspw. Fenster.»

Das Gebäude wird möglichst kompakt gebaut, um das zu beheizende Volumen gering zu halten. Nur das Untergeschoss entsteht in Beton. Wo sinnvoll, kommt Recyclingbeton zum Einsatz. Der Oberbau wird vollständig in Holzbauweise erstellt. Auch bei den Materialien stehen Nachhaltigkeit und Langlebigkeit im Zentrum: Holzwolle für die Dämmung, Gipsplatten aus Altpapier und beständige Aluminiumfensterrahmen. Die Photovoltaikanlage produziert Strom für Haushalt und Elektroauto. Überschüssige Energie wird in einer Batterie gespeichert. Für Wärme und Kühlung sorgt eine Erdbohrung. Auch die spätere Nutzung wurde mitgedacht: Das Obergeschoss kann bei Bedarf abgetrennt und als separate Wohnung vermietet werden.

Und die Mehr­kos­ten?

Für den Subventionsantrag mussten die Mehrkosten für das Erreichen des GEAK-A/A-Standards zusammengestellt werden. Sie liegen bei rund zehn Prozent im Vergleich zum gesetzlichen Standard. Patrizia sieht diese Investitionen jedoch nicht als klassische Mehrkosten. «Wir haben alles so geplant, wie wir es für richtig hielten. Es war immer klar für uns, dass wir möglichst Energieautark sein wollen und den Komfort einer Lüftung im Eigenheim nicht missen wollen: Das sind für uns echte Mehrwerte, keine Zusatzkosten.»

Ganz ohne Kompromisse ging es aber auch beim Neubau nicht. Nach einer Einsprache musste das ursprünglich kompaktere Projekt angepasst und besser in die Topografie eingefügt werden. Das sorgt für ein harmonischeres Gesamtbild, bedeutet gleichzeitig aber mehr Eingriffe in den Hang und damit zusätzlichen Ressourcenverbrauch.

Kreis­l­auf­wirt­schaft ist mehr als Re-Use

Kreislaufwirtschaft bedeutet weit mehr, als einfach alte Materialien wiederzuverwenden. «Kreislaufwirtschaft heisst eigentlich nichts anderes, als dass man Kreisläufe schliesst und möglichst wenig Abfall generiert.» Dazu gehört, Vorhandenes möglichst lange zu nutzen. Gleichzeitig müsse heute bereits so geplant werden, dass Materialien in Zukunft wieder zurückgebaut und weiterverwendet werden können. «Kreislaufwirtschaft ist nicht gleich Re-Use. Es geht beim Schliessen von Kreisläufen um viel mehr, als nur Altes wiederzuverwenden. Vor allem so zu planen, dass Langlebigkeit und Rückbaubarkeit in Zukunft möglich sind, ist zentral. Da haben wir heute die Verantwortung für morgen.»

Den grössten Hebel sieht sie dabei im Umdenken – insbesondere bei der Bauherrschaft. Wenn nachhaltige Grundprinzipien von Beginn an Teil der Planung sind, entstehen aus ihrer Erfahrung oft kaum zusätzliche Kosten. «Ziele festlegen: sich hinsetzen und überlegen, was ist einem wichtig, was möchte man mit dem Bau erreichen. Und dies dann mit den Planern von Beginn weg besprechen. So erarbeitet man die Lösungen Schritt für Schritt im Team.» Ihr Rat an alle, die nachhaltiger bauen oder renovieren möchten, ist deshalb einfach: «Einfach anfangen, einfach machen.»

Die Vi­si­on: so bauen wir in Zu­kunft

Für Patrizia Hermann liegt die Zukunft im Bauen mit langlebigen und nachhaltigen Materialien, flexibel nutzbaren Gebäuden und einer möglichst unabhängigen Versorgung mit erneuerbarer Energie. «Wir bauen Gebäude aus langlebigen und nachhaltigen Materialien, die in Zukunft vielfältig nutz- und umnutzbar sind und sich selbstständig mit erneuerbarer Energie versorgen. Es gibt keine toten Dächer mehr – also Dächer, die keinen Solarstrom produzieren.»

Ihre beiden privaten Projekte zeigen dabei, dass nachhaltiges Bauen ganz unterschiedlich aussehen kann: vom wiederverwendeten Holzbalken mit jahrzehntelanger Geschichte bis zum Neubau, der bereits heute auf die Anforderungen von morgen vorbereitet ist.

Kreislaufwirtschaft, Re-use
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